Kai-Uwe Stelzer

Kurzbiografie

Kai-Uwe Stelzer war mit seinen Freunden Andre Lange und Holm Vogel am vierten Oktober 1989 an den Ereignissen am Hauptbahnhof beteiligt. Zuvor waren die drei wegen der Teilnahme an einer Demonstration gegen das Reinst-Silizium-Werk in Gittersee verhört wurden. Sie wurden später inhaftiert, wegen Rowdytums angeklagt und erst am zehnten November, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, wieder freigelassen.

Heute lebt er mit seiner Familie in Berlin und arbeitet als freiberuflicher Clown. Das Interview führte Thomas Eichberg

Kai-Uwe Stelzer, geb. 1971

Interview

Gibt es für Sie ein Fazit über die Aufbruchzeit´89?

Glück gehabt, würde ich sagen. In erster Linie Glück gehabt.

Warum „Glück gehabt“?

Weil es hätte dümmer ausgehen können. Man hätte uns an dem Tag erschießen können oder man hätte uns länger im Gefängnis behalten können und das wäre es nicht wert gewesen, dafür, dass ein paar Bockwürste geplündert wurden.

Haben Sie sich dieser Gefahr bewusst ausgesetzt, also war Ihnen das klar, dass das passieren kann? 

Mir war das in diesem Moment nicht klar, nein. Wir haben ja  im Prinzip nichts Direktes vorgehabt. Wir wussten nur, dass dort ein großer Menschenauflauf ist und dass es um die Züge aus Prag ging. Ich selber war gerade nach einem 6,5 stündigen Verhör, wegen einer Bittgottesdienstgeschichte im Rahmen der Widerstandsangelegenheiten zum Reinstsiliziumwerk Gittersee, in der Bautzner Straße entlassen worden. Da haben wir in der Plauener Kirche eine Rede gehalten und den DDR-Staat, aufgrund seiner Vorgehensweise in Gittersee einige Monate zuvor, mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Die erdreisteten sich damals, Rollstuhlfahrer über die Straße zu schleifen und auf alte Leute einzuprügeln. Das fand weitgehend unbemerkt von der Bevölkerung statt, weil ja zu den Bittgottesdiensten in Gittersee immer nur eine Handvoll Leute erschienen sind, die durch die Kirche oder durch Hörensagen davon erfahren haben. Damals hat sich das dann aber ausgeweitet, da wir auch kleine Zettel mit Schreibmaschinen vervielfältigt und immer denselben Satz fünfzehn Mal auf eine Seite geschrieben haben. Das haben wir vier bis fünf Mal durchgepauscht, weil es ja keine Kopiergeräte gab. Wenn man eine Schreibmaschine hatte, dann war man schon mehr oder weniger privilegiert. Die Zettel wurden dann an die Haltestellenschilder geklebt. Das fiel den Leuten von damals auf, heute würde das ja niemandem mehr auffallen, wenn überall Zettel klebten. Daraufhin wurde der Bittgottesdienst in die Plauener Kirche verlegt, weil ein riesiger Auflauf zu befürchten war, der jedoch trotzdem stattfand. Als Resultat bin ich verhört worden und bin an dem Tag, an dem die Ereignisse auf dem Bahnhof stattfanden, gerade vom Verhör gekommen und hatte so einen Hals. Wir sind dann zum Bahnhof gelaufen und hatten als einzige Vorbereitung eine Deutschlandfahne mit einem Fragezeichen darauf. Ein Fragezeichen, weil sich auch unsere Gruppe Pax aus zwei Lagern zusammensetzte: Das eine Lager bestand aus Leuten, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten und die, um den Ausreiseantrag zu beschleunigen, wahrscheinlich auch ein wenig engagierter waren. Das andere Lager bestand aus Leuten, die gesagt hatten, „Nein! Wir bleiben hier und wir wollen was ändern und wir wollen die DDR verbessern oder was auch immer!“

Zu welcher Gruppe gehörten Sie?

Ich gehörte zu der Gruppe, die nicht ausreisen wollte, wobei diese zwei Lager aber nicht zerstritten waren. Die Deutschlandfahne mit dem Fragezeichen war der kleinste gemeinsame Nenner. Man stellte im Prinzip diese Fragen: „Wie geht es nun weiter? Welches Emblem wird da drin sein? Oder wird keines drin sein?“ Letzten Endes ging das aber auch so schnell, innerhalb einer halben Stunde und dann ist man zum Bahnhof gegangen. Ich persönlich bin eigentlich durch die Ereignisse überrannt worden,  auch durch die Reaktionen der Menschen am Bahnhof.

Wie war das? Haben Sie sich da getroffen? Oder die Gruppe Pax, vielleicht können Sie dazu noch etwas sagen. Wie kamen Sie zusammen? War das Zufall oder haben Sie sich verabredet? Holten sie Sie ab oder wie kamen Sie da am Bahnhof zusammen?

Wir haben uns vorneweg bei Vogel in der Wohnung getroffen, der hinter dem Bahnhof wohnte. Das war ein Fußweg von vielleicht zehn Minuten. Damals gab es ja keine Handys, da wurde sich nicht verabredet, man hat einfach bestimmte Adressen aufgesucht, bei denen man davon ausging, dass dort die Leute sind. Oder man hat sich im Vornherein ausgemacht, dass sich alle dort sammeln, wenn irgendwas ist. Das war an dem Tag halt die Wohnung von Holm Vogel, beziehungsweise seinen Eltern. Dort erfuhr ich eigentlich auch erst, was in der Stadt los ist. So wurde berichtet, dass am Tag zuvor bereits die ersten Leute festgenommen wurden, die teilweise einfache Reisende waren. Ein Bekannter von mir, Sven Tauchert, hatte damals auch einen PM-12. Wir hatten ja alle keine Ausweise mehr, weil wir im Sinne der DDR-Diktatur schon straffällig geworden waren. Man bekam dann einen vorübergehenden Ausweis, der PM-12 hieß und in den  verschiedene Sanktionen eingetragen werden konnten. Beispielsweise durfte ich mich nur bis 50 km um die Stadt Dresden bewegen. Ich durfte weder in die Tschecheslowakei reisen, noch nach Polen. Überhaupt nirgendwo hin. Wenn man mit so einem Teil angetroffen wurde, dann war natürlich gleich klar, was man für einer ist. Der Sven Tauchert nun ist wohl schon einen Abend vorher auf dem Hauptbahnhof kurz festgenommen und verhört worden. Er kam aber von irgendwo anders her angereist und hatte damit überhaupt nichts bezweckt. Er ist halt einfach nur am Hauptbahnhof angekommen.

Hatte dieser PM-12 etwas mit dem Ausreisen zu tun oder mit der Gruppe Pax? 

Den PM-12 hatten viele Leute, man konnte ihn wegen der unterschiedlichsten Dinge kriegen. Auch wenn man einen Ausweis verloren hatte, bekam man einen PM-12. Zwar war der PM-12 erst einmal nur ein vorübergehender Ausweis, eine Stigmatisierung war er aber trotzdem. Unser Ausweis wurde direkt eingezogen und wir bekamen den PM-12. Manche durften überall hin, nur nicht Berlin, andere waren eingeschränkter in ihrer Bewegungsfreiheit. Es gab da wohl unterschiedliche Sanktionen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.

Und was hieß dieses „Pax“?

Na das hieß von der Übersetzung her „Frieden“ oder „friedlich“. Ich selber bin dazu über ehemalige Mitschüler aus der Parallelklasse gekommen, die sprachen mich damals an. Ich glaube, da ging es erstmal nur darum, die Wahl auszuzählen. Ich bin mir aber auch nicht ganz sicher. Es kann auch sein, dass ich durch die Gitterseegeschichte das erste Mal mit den Leuten zusammengeraten bin. Auf jeden Fall habe ich Holm Vogel das erste Mal in Gittersee angetroffen, bei einem Fürbittgottesdienst gegen das Reinstsiliziumwerk Gittersee, welches damals gebaut werden sollte.

Warum hatten Sie einen PM-12? 

Das ist eine sehr gute Frage, an welchem Punkt habe ich den bekommen? Ich glaube, im Zusammenhang mit einer Plakataktion zum Reinstsiliziumwerk Gittersee. Da hatte ich mehrere Strafbefehle. Ich kann es gar nicht mehr genau sagen, ich hatte aber schon mehrere tausend Mark Strafbefehle angehäuft. Es stellte sich schon so ein Lebensgefühl ein: Ja jetzt bist du eh geächtet, jetzt bist du sowieso raus aus der normalen Schiene, das bekommst du so schnell nicht bezahlt, das steht in deinen Akten drin.

Kommen wir zum Bahnhof. Sie hatten sich hinter dem Bahnhof bei Herr Vogel getroffen. Wer hatte die Fahne vorbereitet? War das zusammen in seiner Wohnung geschehen oder hatte das jemand am Tag vorher schon erledigt? 

Nein, das unmittelbar davor in der Wohnung geschehen.

Haben Sie da überlegt, das können wir jetzt machen?

Genau. Der Holm Vogel hatte die Fahne noch von einem Fußballverein, glaube ich. Die hat er dann hervorgeholt und ich kam, wenn ich mich richtig erinnere, auf die Idee mit dem Fragezeichen. Aus einem Laken wurde dann Ruck-Zuck etwas zurecht geschnitten und aufgeklebt.

Angst haben Sie in dem Moment auch nicht gehabt?

Ich persönlich hatte keine Angst in dem Moment. Erstens war ich 18 Jahre, ein Heißsporn. Zweitens hatte ich Wut, denn ich kam gerade von diesen Spinnern, die mir sechseinhalb Stunden immer wieder dieselben Fragen gestellt hatten, auf die ich immer wieder mit denselben stereotypen Antworten antwortete und man musste denen das auch immer wieder Unterschreiben. Jedes Mal musstest du dasselbe Protokoll wieder auf’s Neue unterschrieben, immer mit dem ganzen Namen. Ich hab das Problem, Kai-Uwe Stelzer zu heißen oder die Ehre, nach dem damaligen Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel benannt zu sein, der nach Strauß Verteidigungsminister der Bundesrepublik wurde, als dieser damals über die Jäger 90 Geschichte stolperte, was wir heute  noch bezahlt haben als Eurofighter. Ja, es macht Spaß, wenn man ständig „Kai-Uwe Stelzer“ schreibt. Damals habe ich meinen Namen ein zweites Mal schreiben gelernt. Ich hatte eigentlich nur Wut im Bauch, aber wir hatten jetzt auch nichts Direktes vor. Wir konnten es auch nicht recht glauben, als es hieß, dass hunderte oder tausende Leute am Bahnhof seien. So etwas gab es ja in der DDR höchstens zu einem Fußballspiel oder zum Blues Festival.

War da keine Angst, also wenn man gerade von so einem Verhör kommt, bzw. von der Staatssicherheit? 

Nein. Ich hatte eigentlich nur Wut. Auf der anderen Seite war ich natürlich auch froh, dass ich wieder draußen war. Es war während des Verhörs nicht klar, ob man dabehalten wird oder nicht. Danach ging es ja erst einmal darum, dass man sich trifft und dass alle erfahren, dass man wieder da ist. Denn dass man verhaftet wurde, das wussten sie auch. Ich hab damals zu dieser Zeit schon auf dem Friedhof gearbeitet und wurde auch dort vormittags verhaftet. Sie kamen von allen Seiten, kreisten den ganzen Friedhof ein. Auch ohne Handy sprach es sich dann wie ein Lauffeuer herum, dass man abgeholt wurde.

Zur Bahnhofssituation. Sie sagen also, Sie sind relativ ohne Angst und auch ohne großes Vorlenken in diese ganze Situation hineingegangen. Mitten in der Situation, also als es dann schon ziemlich heiß herging, als Wasserwerfer auffuhren, bekamen Sie es da mit der Angst zu tun oder war das gerade so eine Jetzt erst recht! und Trotzreaktion, die sich da eingestellt hat?

Erstmal sind wir da ja ziemlich frei reingegangen, obwohl der ganze Bahnhof ringsrum abgesperrt war, denn der Eingang zur Mittelhalle war offen und hunderte, tausende Leute waren bereits drin. In dem Moment löste sich Sven Tauchert, der aber eh ein eher ängstlicher Mensch ist und zog sich dann zurück. Wir sind weitergegangen und sind im Prinzip spontan auf die Empore an der damaligen Mitropa hoch und haben diese Fahne über dem Dreieck für die während des zweiten Weltkriegs im KZ Inhaftierten inhaftierten Kommunisten, die damals mit einem roten Dreieck gekennzeichnet wurden, über das Mahnmal drübergehangen. Das wurde uns später in der Gerichtsverhandlung auch angekreidet. Wir hätten damit dieses Mahnmal geschändet. Als wir die Fahne über der Brüstung platzierten, da gab es eine sehr euphorische Reaktion der Massen, womit ich wiederum nicht gerechnet hatte. Die ganze Halle brüllte plötzlich los, was mir und vermutlich auch den anderen einen Adrenalinschub verschaffte, so dass wir spontan runtergingen und uns an dem Barrikadenbau beteiligten, vor dem Wasserwerfer.

An dieser Flügeltür?

Ja, genau.

Wann kam die Mülltonne ins Spiel? Die war plötzlich irgendwie da, oder…? 

Eine Mülltonne?

Ja, Sie haben da noch eine Mülltonne hinzugezogen, die das versperrt hat. 

Ja, wir haben alle möglichen Dinge davorgestellt. Da wurden Fahrkartenschalter und Automaten verwendet. Alles, was nicht niet- und nagelfest war. Aber dass ich in dem Moment Angst gehabt hätte, das war im Prinzip eine Frage des Adrenalins.

Machen wir vielleicht mal einen Sprung. Ungefähr fünf Wochen, die Sie hier verhaftet waren zur Untersuchung…

Naja, Andre Lange ist an dem selben Tag verhaftet worden und er war fünf Wochen in Untersuchungshaft, teils bei der Staatssicherheit auf der Bautzner Straße und teils in der Untersuchungshaftanstalt in der Schießgasse. Holm Vogel und ich sind meines Erachtens nur 4 Wochen inhaftiert gewesen, weil wir die erste Woche untergetaucht waren.

Nach diesen vier Wochen raus zu kommen, war das immer noch so eine Trotzstimmung? Oder so eine Ärgerstimmung? Oder war es eine andere Stimmung bei der Freilassung vor der Bahnhofsgeschichte?

Ja, das war eine ganz andere Situation. In der Zwischenzeit hatten wir schon unsere rechtsgültige Verurteilung. Wir wurden durch den Herrn Rechtsanwalt Schnur vertreten, den man damals „Linksanwalt“ nannte, der uns schon Monate zuvor im Fall von Ärger empfohlen wurde. Wie sich später herrausstellte, ist er ein Stasispitzel gewesen. Schon bevor er sein Studium angefing, hatte er unterschrieben, noch ehe er die Jurispondenz abschloss. Wir waren damals auch sein letzter Fall, bevor er in die Politik ging und mit dem demokratischen Aufbruch, mit der Deutsch Sozialen Union, der CDU-Ost und der CDU-West als Allianz für Deutschland auf Wahlkampf für Helmut Kohl ging. Ich habe ihn nochmal in Leipzig auf der Tribüne gesehen und kurz darauf sind die Akten aufgetaucht. Das lag alles innerhalb dieser 4 Wochen: die rechtsgültige Verurteilung, der Revisionsantrag, die Berufung von Schnur. Man hat ja auch mitbekommen, dass da draußen etwas vor sich geht, was man bisher noch nicht kannte, wovon man auch nicht ausging, dass es überhaupt jemals passieren würde. Denn noch am Hauptbahnhof konnte ich mir eine Wende in der DDR nicht vorstellen. In meinem Kopf war das immer „Das hört so schnell nicht auf, die werden so schnell nicht klein beigeben, solange der Russe kann, sind wir am Start.“  Allerdings, rückblickend gesagt, ist das vielleicht ein bisschen naiv gewesen. Andererseits lebten wir ja im Tal der Ahnungslosen und waren relativ abgeschnitten von der bösen Propaganda aus Westdeutschland.

Ich kann mich entsinnen, dass wir damals Partys gefeiert haben, um Karl-Eduard von Schnitzel1 zu sehen. Da trafen wir uns zum Schwarzen Kanal, vierzehn oder fünfzehn Leute und haben laut lachend Karl-Eduard von Schnitzel gehört. Aber letztendlich hatte das ja teilweise auch den Hintergrund, dass man sich versuchte kundig zu machen und dass man darüber redete, was eigentlich läuft. Oder man versuchte zwischen den Zeilen der Propaganda des Schwarzen Kanals zu lesen.

Innerhalb dieser vier Wochen gab es auch zwei Entlassungswellen, wo komplett alle Leute aus der Untersuchungshaft der Staatssicherheit auf der Bautzner Straße entlassen wurden waren. Diese Menschen waren vor allem Flüchtlinge, die über Ungarn gegriffen worden, oder an anderen Stellen. Auch ganz normale Familienväter, die noch wenige Wochen zuvor zu mir gesagt hätten, „Du kannst das doch nicht machen.“ und „Du musst doch in der FDJ bleiben und du kannst nicht bei der GST kündigen und schon gar nicht deinen Lehrvertrag kündigen, mit der Begründung, in einem sozialistischen Betrieb nicht arbeiten zu wollen“, also all diese Leute saßen plötzlich mit uns in Untersuchungshaft. Daran haben wir schon gemerkt, dass etwas um uns geschah, was bisher noch nicht innerhalb unseres Lebens passiert ist und ich bin Baujahr ’71. Die Ereignisse von ’57 oder ’53 kannten wir ja eigentlich nicht, nur vom Hörensagen, wo eigentlich nicht drüber geredet wurde.

Kommen wir in diese Zeit nochmal rein. Rechtsanwalt Schnur – hatten Sie den Eindruck, der vertritt euch wirklich?

Ich hatte damals den Eindruck, er vertritt mich, ja.

Und war das nun nach der Entlassung eine ganz andere Stimmung, als damals unmittelbar vor den Bahnhofereignissen? 

Es war eine völlig andere Stimmung, ja. Ich hatte regelmäßig Zeitung da drin. Holm Vogel erzählte mir neulich, er habe gar keine gehabt. Kann auch sein. Wir waren ja nie zusammen in einer Zelle und wurden immer extra in Zellen mit anderen gehalten. Alle zwei Tage bist du in eine neue Zelle verlegt worden, was wahrscheinlich den Sinn hatte, dass du nie irgendwie länger Kontakte schließen kannst und dass du immer wieder von vorne anfängst, vielleicht auch dem ein oder anderen Mal was anderes erzählst. Plötzlich saßen wir zusammen in einer Zelle und hatten unser Gepäck und unsere Zivilklamotten in einem Beutel und da schwante uns schon, dass wir jetzt Knall auf Fall entlassen werden. Warum, das war nicht so ganz klar. Ich hatte in der Bautzner Straße, kurz bevor ich die letzte Woche auf die Schießgasse überwiesen wurde, ein Neues Deutschland in die Hand bekommen und das war zum Lachen. Es war einfach alles ausgeschnitten. Man hatte nur noch den Zeitungrand in der Hand. Die haben alle Artikel, die ihnen nicht gepasst haben, rausgeschnitten. Ich kann mich entsinnen, dass ich auf der Pritsche saß und mein Gegenüber angrinste. Wir haben die ganze Zeit Kasperletheater gemacht mit dieser durchlöcherten Zeitung und da war uns klar, dass irgendwas am Laufen ist, was es so noch nie gegeben hat. Vom Mauerfall selber haben wir eigentlich erst gehört, nachdem wir draußen waren. Genau, am Neunten ist die Mauer geöffnet worden und am Zehnten, morgens, haben die uns entlassen und ich denke das ist der Zusammenhang, so nach dem Motto, “Nun sind wir sie los. Jetzt macht es keinen Sinn mehr.“ Dann standen wir auf der Straße, schauten uns an und niemand wusste etwas davon, dass wir entlassen werden – wir ja eine halbe Stunde zuvor auch noch nicht. Und wir hatten so ein ganz kleines Zettelchen, unser Entlassungspapier.

Wie ging es dann weiter in Ihrem Leben? Jetzt vielleicht in etwas größeren, gröberen Sprüngen bis zum heutigen Tag. 

Ganz kurzer Abriss: ich bin 1990 in einen Verkehrsunfall verwickelt worden, war daraufhin zweieinhalb Jahre auf Krücken unterwegs, bin dann nach Halle gezogen, habe dort acht Jahre gelebt, verschiedene Kneipenprojekte mitgemacht, auf dem Bau gearbeitet, als Koch, als Kellner, als Wirt in der eigenen Kneipe dann ganz zum Schluss, bin dann nach Berlin gegangen und bin jetzt das elfte Jahr in Berlin, bin mittlerweile Vater von vier Kindern und Clown.

Und ist das so eine Endstation?

Na, wer will das Wissen. (Lacht)

Also gibt es schon wieder Pläne oder neue Projekte?

Na ich bin für alles offen. Ich bin zwar hauptsächlich Clown, aber ich mache auch mit in Kinderaufführungen in der Zauberflöte und der Opera Bambini in Berlin. Ich mache den Kaiser von China in einer deutschen Peking Oper und wenn einer auf mich zukommt und der Meinung ist, wir fliegen jetzt nach Japan und wir machen dort das und das, dann mach ich mit.

Aus der heutigen Perspektive, 20 Jahre zurückgeschaut, ist das eine Genugtuung, so wie die letzten 20 Jahre verlaufen sind? Ist das teilweise eine Enttäuschung? Also wie würden Sie denn aus der heutigen Perspektive die letzten 20 Jahre und die Ereignisse vor 20 Jahren aus Ihrer Sicht beurteilen?

Ich habe mich neulich mit einem alten Freund aus der Tschechei unterhalten und der sagte zu mir leicht angetrunken: „Ist doch gut, dass die Scheiße weg ist!“ und da kann ich mich nur anschließen. Es ist gut, dass das weg ist, der Quark. Andererseits könnte man natürlich rückblickend immer sagen, dass man bestimmte Sachen anders gemacht hätte oder hätte anders machen sollen. Ich persönlich bin im Großen und Ganzen recht zufrieden, weil es ja auch eine sehr stürmische und schnelllebige Zeit war und wir wahrscheinlich auch weit übers Limit gegangen sind, was der Normalbürger hätte machen sollen und was wahrscheinlich eher unvernünftig zu nennen ist. Somit bin ich eigentlich froh, dass es mir recht gut geht, dass ich halbwegs gesund bin. Allerdings finde ich es seltsam, dass 20 Jahre danach im Osten immernoch im selben Beruf weniger verdient wird, als im Westen, dass die Leute immernoch weniger Rente kriegen und dass wir im Prinzip immer noch Deutsche zweiter Klasse sind. Das finde ich eine Sache, die gehört abgeschafft. Aber sofort. Da darf nicht drüber diskutiert werden, egal wie das Wirtschaftsgefälle ist.

Dann habe ich eine ganz andere Meinung, wenn ich mir z.B. anhöre, dass der Russe kein Gas liefert und dass der Herr Schröder den Putin seinen Busenfreund nennt. Wenn ich mir überlege, dass die Leute in der DDR letztendlich diese Pipeline gelegt haben und somit zweimal die ganze Geschichte an den Rand des Staatsbankrotts getrieben haben oder treiben mussten im Auftrag der Siegermacht.

Und die jetzt verdient damit? 

Und die jetzt damit verdienen. Letztendlich auch mit den Herren aus Westdeutschland oder mit den Herren am Tegernsee oder am Starnberger See. Ich denke an Schalck-Golodkowski, an Leute wie Schreiber, die immernoch mit Waffen handeln, ich denke an Leute wie Helmut Kohl und Strauß, die da durchaus involviert waren in Zusammenhänge, die bei weitem noch nicht recherchiert wurden. Wer weiß, was man da noch zu hören bekommt. Ich denke auch an Leute wie Putin, die damals in Dresden dem KGB mit vorstanden, ich denke an Leute wie Modrow, die Chef der Partei waren und die Staatssicherheit, man darf es nicht vergessen, war letztendlich genau das, was sie behauptet hat zu sein, nämlich Schild und Schwert der Partei. Und wenn die Partei gesagt hat, „So wird’s gemacht!“, dann hat die Stasi das auch getan. Das darf man nicht vergessen. Dass solche Leute in Amt und Würden sind und die Gelder letztendlich gut angelegt werden, das mag nicht verwundern, aber das ärgert mich nach wie vor. Andererseits ist es so, wenn ich jetzt gefragt werde, „Was gehst du denn wählen?“, dann müsste ich von meiner Einstellung her eigentlich die PDS wählen gehen, aber das werde ich nicht tun.

Ist das denn so ein Zwiespalt? 

Ja, das ist schon seltsam. Wenn ich mir eine Rede von denen anhöre und mir sage, das ist eigentlich eher zu unterschreiben, als das, was die anderen erzählen, das empfinde ich schon zwiespältig.

Aber das geht wahrscheinlich einigen so. 

Trotzdem war Gregor Gysi Vorsitzender der Anwaltskammer und das ist man nicht ohne Grund geworden. Ob da eine Akte existiert oder nicht, ob der gerichtliche Verfügungen hat und ob ich ihn „Notar“ nennen darf oder nicht, das ist mir herzlich egal. Der kann mich gerne anzeigen. Ich würde mich gerne mal mit ihm unterhalten. Aber das sind Leute, die damals Karriere gemacht haben und die machen es heute auch. Die Welt hat sich nicht grundlegend geändert.

Noch zum Herbst ’89 : Wie hat sich das denn beruflich und auf Ihr familiäres Umfeld ausgewirkt?

Naja, das ist schwer zu sagen. Also beruflich erstmal habe ich in ’89 meine Lehre geschmissen, vor den Ereignissen, weil man eigentlich nur noch Streß hatte. Zweimal die Woche waren Leute von der Staatssicherheit da, die meinem Lehrmeister auf den Wecker gingen, der mir dann wiederum auf den Wecker ging.Und eines schönen Tages bin ich dann rumgegangen und habe gekündigt bei der GST, bei der Deutsch–Sowjetischen Freundschaft, beim FDGB, der FDJ und letztlich meine Lehrstelle selber. Das war ja schon mal der erste Einschnitt – beruflicher Natur. Daraufhin habe ich angefangen auf dem Annenfriedhof in Dresden als Grabmacher zu arbeiten. Hauptsächlich deswegen, weil man damit unter dem Deckmantel der Kirche war und auch um nicht als asozial zu gelten, weil man als Asozialer in der DDR auch hätte inhaftiert werden können. Es gab ja direkt einen Asozialen– Paragraphen. Ich bin aufgrund meiner Ansichten in den Genuß gekommen, Leichen auszugraben. Ja, das behindert mich jetzt nicht in meinem Fortkommen, im Gegenteil. Aber das war natürlich nicht geplant in meinem Werdegang, ganz und gar nicht. Dann kam schließlich der Unfall, wo ich mir bis heute noch nicht sicher bin, ob es wirklich ein Unfall war oder nicht. Weil im gleichen Atemzug ist zum Beispiel Otmar Nickel überfahren worden, der ja auch wesentlich engagierter war als ich oder andere Leute, der ja unter anderem auch Mitbegründer des Neuen Forums war, sich im Betriebsrat seines Betriebes stark machte, in der Kirche von unten aktiv war, im anarchistischen Arbeitskreis Wolfspelz etc. Das sind alles Unfälle gewesen, mehr kann man dazu nicht sagen. Aber natürlich hat mich das aus der Bahn geworfen. Schon allein, weil ich zweieinhalb Jahre nicht mehr laufen konnte und dadurch auch eine gewisse Orientierungslosigkeit, gepaart mit finanziellem Unbill und Alkoholproblemen, eintrat. Wir waren dann unterwegs. Im Prinzip bin ich auf einem Bein durch Europa getrampt, war in Portugal, Amsterdam, Ungarn und habe in Paris auf der Straße gelebt. Ja und das hat mein Leben letzten Endes schon maßgeblich verändert. Aber die Frage ist, was wäre passiert, wenn das alles nicht gewesen wäre? Wenn ich einfach so die Wende erlebt hätte, wie jeder andere auch? Was hätte ich dann gemacht? Das kann man schwerlich sagen. Was auch sehr viel verändert hat, das war, als ich damals nach Halle gezogen bin. Es gibt so einen Spruch, „In Halle werden die Irren nicht alle.“ Dann heißt es, es gäbe  Hallenser, Halloren, Halunken. Die Halloren sind die Alteingesessenen, die schon in der sonst-wievielten Generation  in Halle leben, dann gibt es die Hallenser, die in Halle geboren wurden und als letztes die Halunken, die dazugekommen sind. Auf jeden Fall ist meine Biografie völlig anders verlaufen. Allerdings habe ich die Vermutung, dass meine Biografie in jeder Zeit anders verlaufen wäre, das ist einfach auch eine genetische Veranlagung.

Was war denn das für eine Lehre bei Ihnen?

Als Schienenfahrzeugschlosser bei der Reichsbahn am Emmerich-Ambroß-Ufer,  RAW Dresden (Reichsbahnausbesserungswerk). Wagonschlosser, würde ich sagen, man nannte es hochtrabend „Schienenfahrzeugschlosser“.

Was mich noch interessieren würde, weil das gerade mit Ottmar Nickel angesprochen wurde, ich glaube, den hatte ja ein LKW Hänger erfasst auf dem Fahrrad. Wie war das bei Ihnen, können Sie ganz kurz…?

Ich habe das damals „das Per-Mi-G“ genannt, „in Form eines roten Ladas“. Das permanente Mißgeschick. Ich bin mit dem Moped einer Bekannten, mit der ich zusammen wohnte, zur Arbeit gefahren. An einer Kreuzung, gottseidank war ich nicht mehr sehr schnell unterwegs, kam einer von rechts ins Schleudern und ist direkt in mich hineingefahren. Er war wahrscheinlich etwas zu schnell in der Kurve und hat mich am Knie erfasst. Ich bin über die Straße geflogen, wobei ich mir eine Trümmerfraktur am Oberschenkel eine offene Unterschenkelfraktur zuzog.

Noch eine Frage zum Bahnhof: Sie haben gesagt, dass Sie vor allem angeklagt wurden, weil Sie die Fahne aufgehangen haben da irgendwo auf dem Bahnhof.

Nein, der Hauptanklagepunkt war Rowdytum. Also ich passe eigentlich nicht in das Schema einer friedlichen Revolution. Ich war zwar immer derjenige, der damals sich aus der Bibliothek den Ghandi ausgeliehen hat, der von der friedlichen Veränderung geredet hat. Wir unterschieden uns auch vom Arbeitskreis Wolfspelz, weil die zum Beispiel die Abmachung hatten, dass sie bei einem Verhör möglichst wenig sagten. Ich wiederum, bzw. die Leute rundherum, waren der Meinung, dass wir ja nichts zu verbergen haben. Natürlich sind wir dagegen, natürlich haben wir uns dort hingestellt und die Plakate gemacht. Verhaftet uns doch! Gebt uns Strafen und schiebt uns immer mehr an den Rand! Wir machen weiter, wir bleiben stur! Und das war für mich und meine damaligen Begriffe eigentlich von Ghandi initiiert. Da habe ich mal ein Buch gefunden in der Zweigbibliothek Zschertnitz und war völlig fasziniert. Insofern ist die Aktion auf dem Hauptbahnhof eigentlich völlig konträr. Aber der Hauptanklagepunkt war Rowdytum. Ich denke, das auch nicht ohne Grund. Ich nehme sowieso an, dass die ganzen Ereignisse konstruiert waren.

Inwiefern? 

Na, es ist ja nun auch kein Problem, den Hauptbahnhof ganz abzusperren. Es war sowieso rundherum alles zu, warum ist diese Mittelhalle auf? Also hat man doch eine Mausefalle gelassen und mal gucken, wer bis vor geht. Kameras waren da, es war alles prima vorbereitet! Ich meine, heute gibt es an jeder Ecke Kameras, aber wir müssen ja 20 Jahre zurückdenken. Ich bin der Meinung, wir waren eigentlich dumm und sind denen direkt ins Messer gelaufen und haben denen im Prinzip die Möglichkeit eines Schauprozesses gelassen und ich denke mal, das sollte es auch werden letzten Endes. Seht! Hier sind sie, die Rowdys. Teilweise gab es dann wirklich Probleme mit der Kirche, wie ich im Nachhinein in Gesprächen mit dem Superintendenten Ziemer gehört habe. „Können wir das denn überhaupt in der Kreuzkirche beim Fürbittgottesdienst mit erwähnen, denn das sind ja eigentlich die Rowdys?“ und so weiter. Und, wie gesagt, es sind ja auch zweimal alle Leute aus der U- Haft entlassen worden, nur wir blieben drin, wir waren ja per se die Gewalttäter. Hauptanklagepunkt war Rowdytum und dann eben gefolgt mit Zuwiderhandlung gegen das sozialistische Zusammenleben, gegen die staatlichen Organe, Zusammenrottung, Rädelsführerschaft und dieser ganze politische Schwanz. Der wurde ja letztendlich nur hintendran gehangen, aber die große Fahne war Rowdytum.

Können Sie sich erinnern, dass Sie damals mit dem Feuerlöscher gegen die Polizei vorgegangen sind?

Ein Feuerlöscher war auf jeden Fall im Spiel. Ob ich den in der Hand hatte oder jemand anderes, kann ich jetzt nicht genau sagen. Der hat, glaube ich, die Runde gemacht. Vielleicht waren es sogar mehrere, ich kann es nicht genau wiedergeben. Es ist auch während der Verhandlung immer wieder gefragt worden, wie oft man was gerufen oder mit was man geworfen hätte. Damals hat man natürlich versucht, mit so wenig wie möglich zu werfen/ geworfen zu haben. Jetzt müsste ich es anders herum machen, müsste sagen, ich habe mit allem Möglichen geschmissen. Ich kann mich nicht so genau erinnern. Mir ist unter anderem auch vorgeworfen worden, dass ich mit einer Schreibmaschine geworfen habe. Kann sein, möglich ist es. Deprimiert mich. Also, das hat mich damals, nachdem ich das beim Verhör vorgeworfen bekommen habe, tatsächlich nachts in der Zelle deprimiert, weil ich ja der Meinung war, ich werde Schriftsteller. Ich war fasziniert von Leuten wie Henry Miller und Zola und solchen Chargen und eine Schreibmaschine zu besitzen, das war ja in der DDR etwas ganz Tolles. Ich hatte ja eine, noch dazu eine Blindenschreibmaschine von einem blinden Freund,  auf der sind damals auch diese Geschichten geschrieben worden, die ich ja anfangs erwähnt habe. Dass mir vorgeworfen wird, dass ich mit einer Schreibmaschine geworfen habe, da empfand ich mich als Barbar. Jetzt rückwirkend gesehen, naja, sehe ich es doch eher mit Herrn Mühsam: „und ging im Revoluzzerschritt mit den Revoluzzern mit.“

Ist das für Sie wichtiger, die Dinge von damals mit den Augen von ’89 zu sehen oder aus der heutigen Perspektive? Oder kann man das überhaupt nicht gegeneinander aufwerten? Kann man also beispielsweise gar nicht sagen: „Damals habe ich das mit der Schreibmaschine bedauert und fühlte mich da arg komisch, aber heute würde ich dem gar nicht mehr so viel Bedeutung beimessen.“ Kann man diese beiden Perspektiven vergleichen oder sind sie überhaupt nicht miteinander vergleichbar? 

Ich persönlich habe das ganze Thema jahrelang verdrängt. Das alles ist mir eigentlich erst vor einem Dreivierteljahr bewusst geworden, als manchmal massiv Anfragen kamen, ob man sich äußern würde. Ich habe es  jahrelang abgelehnt, mich überhaupt dazu zu äußern, ausgenommen ab und zu im Freundeskreis, wenn das Thema aufkam. Es ist ja auch ziemlich viel Rummel entstanden durch die Aufnahmen von damals. Daraufhin habe ich mir prompt einen Vollbart wachsen lassen, weil mir das eigentlich zuviel wurde. Auch die Verehrung vom weiblichen Klientel, wo man ja sagen könnte, es wäre eine tolle Sache, da war ich mir dann nicht mehr sicher. Denn geht es jetzt eigentlich um mich oder geht es darum, jemanden zu treffen, der ein Held war? Ich habe das Thema jahrelang eher weggeschoben. Das ganze Material, was ich aus der Zeit habe, ist teilweise gar nicht geordnet, obwohl ich es seit Jahren in verschiedenen Kisten mit mir herumschleppe. Das harrt der Dinge, die da kommen.

Aha, also in Holzkisten oder Kartons? 

Ja, ich bin viel umgezogen in meinem Leben und habe die Eigenart, immer Dinge mit mir herumzuschleppen. Ich schramme immer dicht am Messi vorbei. Teilweise ist es so, dass ich manche Kisten schon seit 15 Jahren mit mir herumschleppe und immer nur in den jeweils neuen Keller packe. Jetzt bin ich nach den letzten drei Jahren eigentlich erst ankommen. Das Öffnen einer Kiste dauert immer Monate, weil ich immer jedes Teil nochmal drehen muss und jetzt ziehen ja noch so viele andere an mir herum, „Papa, kannst du das machen?“

Um die Sache nochmal kurz anzusprechen, gibt es eine bevorzugte Perspektive? Beispielsweise: „Ach Gott, wenn ich jetzt in diese Kisten schaue, dann schaue ich doch lieber mit den Augen von 1989 oder 1990 da rein.“

Naja, ich erinnere mich in dem Moment erstmal wieder daran, wie man das damals gesehen hat. Man war ja eine ganz andere Person. Nicht bloß, weil man jetzt 20 Jahre älter ist, sondern weil man eigentlich auch aus einer anderen Zeit kam. Zwangsläufig, weil es in der DDR eben ein paar Sachen nicht gab, die eigentlich ringsherum schon längst Usus waren, z.B. in Ungarn – man muss ja nicht immer das kapitalistische Lager hernehmen. In Dresden hat sich das ja noch mehr fokussiert, das fällt mir heute teilweise noch auf. Meine Frau stammt aus Magdeburg. Die hat heute eine ganz andere Sicht auf ihr Leben vor 20 Jahren, weil sie Westfernsehen geschaut hat. Ich kenne auch die Musik, die wir damals gehört haben, als wir zur Disco gegangen sind, aber heute sehe ich teilweise die Videos das erste Mal, was natürlich eine völlig andere Sichtweise ergibt. Plötzlich bekomme ich ein ganz anderes Gefühl für diese Musik. Ich möchte die Videos oftmals gar nicht sehen, weil ich mein eigenes Bild habe. Ich gehöre zu den wenigen Leuten, die noch nie „Wetten, daß?“ gesehen haben und ich pflege das. Aber eigentlich möchte ich es doch gern sehen. Nur, wenn der Vollbart schon bis hierher ist, dann ist es schwer, den abzunehmen, dann muss man einen Grund haben.

…lang gehen sollten und der mit der Kamera nebenherlief, fiel mir das wieder ein. Und zwar hinter uns, die Leute, wir haben das ja die ganze Zeit versucht. „Na kommt doch, macht doch mit!“, aber die Leute standen ja alle 5 Meter dahinter. Da machte ja keiner mit. Der sogenannte Wasserwerfer, das war ja auch mehr ein Gartenschlauch, das hat einen ja gar nicht umgeworfen. Das wusste ich ja in dem Moment nicht. Rückwirkend sehe ich das natürlich auf den Aufnahmen und denke, das ist doch Quatsch, was die da gemacht haben. Da ging es doch meiner Meinung nach letztendlich nur darum, uns vorzuführen. Die Leute plünderten dann hinten die Würstelbude und verteilen die Würstel, weswegen sich sofort alle umdrehten. Die hätten nur hinter uns eine Kiste Würstel auspacken müssen, dann wären wir gegangen, da brauchst du gar keinen Wasserwerfer auffahren. Deswegen habe ich diese Mittelhalle verlassen und den Ort des Geschehens überhaupt, weil mich das angekotzt hat. Das war eine Würstchenrevolution. Es hat keiner gehungert in der DDR. Es mag sein, dass einer mal keinen Kasten Radeberger hatte, weil die Beziehung nicht hingehauen haben, aber an Würsteln hat es sicher nicht gemangelt. Das finde ich eigentlich eher peinlich. Warum wird so etwas nicht erwähnt? Wir sind immer nur die Helden gewesen und die Friedlichen und letzten Endes haben wir doch das gemacht, was die Herren wollten, oder?

Ja, ob die das so geplant haben oder ob sich das so ergeben hat, das ist nochmal eine andere Frage.

Sie sind natürlich auch überfordert gewesen, letzten Endes, na klar. Aber was wäre denn gewesen, wenn der Russe gesagt hätte, wir machen das andersherum? Da kann man sich auch mit dem Herrn – wie heißt er? Peppermann? Pappermann – Pappermann unterhalten, wie mit einem Aal, der hätte in dem Moment auch nicht den Befehl verweigert, da bin ich mir sicher!

Haben Sie den mal gefragt, wie er das sieht, dass die dann zu der Zeit, als er mit Frank Richter usw. auf der Prager Straße gesprochen hat, schon im Rathaus saßen mit Christof Ziemer und Landesbischof Hempel und mit Hans Modrow und Wolfgang Berghofer zusammen? Haben Sie darüber mal gesprochen?

Nein, nein! Als ich ihn traf, da wusste ich unglücklicherweise nicht, dass er es ist. Ich kam da ein bisschen später und stellte mich mit an den Tisch. Die waren schon durch mit ihren Aufnahmen und haben sich beim Kaffee unterhalten und ich habe dort bloß ein wenig zugehört. Dann schwante mir so langsam, wer das sein könnte. Als er sich verabschiedete, da hat mir der eine Kameramann erzählt, wer das ist. Ich bin ihm nochmal hinterher gegangen, um ein Foto mit ihm zusammen zu machen, aber ich habe mich kaum mit ihm unterhalten.

Das ist zum Beispiel so eine Sache, der wir nochmal nachgehen sollten.

Laut dem Bericht im ZDF hat er ja „den Funken der Friedlichen Revolution nach Leipzig getragen.“ Das finde ich ja ganz große Klasse, das ist echt ein Talent dieser Mann. An dem ist echt etwas verloren gegangen. Aber vielleicht ja auch nicht, vielleicht ist er ja genau im richtigen Beruf? Anerkennung, naja…


1: gemeint ist: Karl-Eduard von Schnitzler